Wie viele Freunde brauche ich?

Als Erwachsener neue Leute kennenlernen? Das ist oft gar nicht so einfach. Emotion sprach mit dem Psychotherapeuten Dr. Wolfgang Krüger darüber, wie viele Freunde man braucht, wie man überhaupt Menschen kennenlernt und wie man neue Freundschaften vertiefen kann.

EMOTION: Herr Krüger, wie viele Freunde brauche ich eigentlich?
Wolfgang Krüger:
 Das ist unterschiedlich. Im Idealfall haben wir drei beste Freunde, denen wir alles erzählen können: dass wir fremdgegangen sind, welche Zweifel wir haben, auch intime Dinge wie Erotik. Daneben brauchen wir ungefähr zwölf Freunde der Kategorie, die wir zum Geburtstag einladen oder mit denen wir eine Radtour machen. Und obendrein brauchen wir ein soziales Netzwerk – ein soziales Dorf: Kollegen, Nachbarn, Bekannte Das heißt, Menschen, denen wir oft begegnen, Kollegen, unsere Nachbarn, Bekannte, die wir auf der Straße grüßen und mit denen wir bestenfalls auch noch gleiche Wertevorstellungen haben.

Woran merke ich, ob ich genug Freunde habe?
Tiefe Freundschaften, in denen man sich alles erzählen kann, geben uns ein Gefühl von Sicherheit im Leben. Und damit steigt und auch unser Selbstbewusstsein. Oft merken wir das aber erst in Krisensituationen. Wem kann ich meine Ängste und Unsicherheiten zumuten? Wen kann ich anrufen, wenn ich herausgefunden habe, dass mein Partner fremdgegangen ist? Oder wenn ich befürchte, eine schwere Erkrankung zu haben? Wenn Sie aber zu wenig Freunde habe, fällt Ihnen diese Tatsache im Augenblick einer Krise auf die Füße.

Und dann sind wir quasi in einer Doppelkrise?
Ja genau und quasi alles, wo ich verstärkt Unsicherheiten habe. Unsere Freundschaften sind wie ganz viele kleine Bindungsfäden, die mich im Leben verankern und uns stützen. Es ist sogar erwiesen, dass Menschen, die im Leben zu wenig verankert sind, auch mehr Lampenfieber haben.

Macht es einen Unterschied, wie viele Freunde ich brauche, je nachdem, ob ich intro- oder extrovertiert bin?
Nicht unbedingt. Zunächst einmal brauche ich mehrere Freunde. Es ist ja so: Mit einem kann man sich wunderbar über persönliche Dinge unterhalten, mit jemand anderes über Literatur, wieder mit jemand anderen teilt man ein Hobby und mit der einen Freundin redet man lieber über Kinderbeziehung. Aber ein Freund oder eine Freundin allein kann das, was ich im Leben suche, gar nicht abdecken. Die meisten Menschen haben allerdings ein Freundschafts-Defizit.

Warum?
Wir investieren zu wenig Zeit in Freundschaften, besonders im Alter von 30 bis 45, weil in diesem Lebensabschnitt meist Themen wie Familiengründung, Kinder und Karriere im Mittelpunkt stehen. Wir sind in Deutschland auch zu zurückhaltend, was den Aufbau neuer Freundschaften betrifft. Es gibt Länder, zum Beispiel in Südamerika, die zwar ärmer sind, aber auch deutlich glücklicher. Und das liegt daran, dass man dort viel unbekümmerter, gerade auch außerhalb der Familie, auf andere Menschen zugeht.

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Und wie kann man dieses Defizit beheben? Anscheinend liegt es ja auch an unserer Mentalität.
Das ist nicht immer so ganz leicht, denn diese Mentalität hängt sehr eng mit einer schlechten Selbstbewertung zusammen. Wir leben in Deutschland in einem Land mit einer strengen, fast preußischen Perfektionsvorstellung und einer geringen Neigung dazu, andere und vor allem aber uns selbst zu loben. Auch die Selbstakzeptanz ist meist gering und führt dazu, dass wir sehr kritisch mit uns selber sind. Und wenn wir auf andere zugehen, haben wir oft das Gefühl, wir stören ­– oder dass der andere doch keinen Grund hätte, mit uns eine Freundschaft zu beginnen. Wir müssen zunächst einmal lernen, dass die Basis für Freundschaften immer mit uns selbst anfängt: Was sind eigentlich meine fünf positiven Eigenschaften? Was sind meine Träume, meine Wünsche? Denn mich selbst zu kennen, bildet den Resonanzboden. Mit der Grundeinstellung, für andere ein Geschenk zu sein, wird es viel leichter sein, mit einer Abfuhr fertig zu werden. Zumindest hat man dann vielleicht nicht das Gefühl, dass es an einem selbst liegt – dann hatte der oder die eben wenig Zeit.

Gibt es noch etwas, worauf ich achten sollte, wenn ich meinen Freundeskreis erweitern möchte?
Es ist wie die Suche nach einem Diamanten. Ich muss da schon zwischen zehn und hundert Leute ansprechen und dann mal ein Treffen auf Probe vereinbaren, um zu sehen, ob die Chemie stimmt und sich überhaupt eine Freundschaft ergibt. Einige Studien sagen, man beginnt die Freundschaft mit dem, der neben einem sitzt. Aber das ist der größte Schwachsinn aller Zeiten, weil wir Freundschaften nur mit den beginnen, mit denen wir ein hohes Maß an Empathie haben, ähnliche Werte- und Lebenseinstellungen und das Gefühl, dem anderen vertrauen zu können. Wir wissen: 70 Prozent der Leute sprechen mit Freunden über ihre Partnerschaften, 50 Prozent über Sexualität und nur 30 Prozent reden über Geld. Und das zeigt das eigentliche Problem: Wie weit kann ich mich dem anderen gegenüber bei sehr intimen Themen öffnen? Wenn ich das zu wenig tue, werden Freundschaften langweilig und dann rede ich immer nur über das Wetter und die Sonderangebote von Aldi.

Wie netzwerke ich richtig?
Also wichtig ist, dabei die innere Einstellung zu entwickeln, auf die Welt neugierig zu sein, um dann auf fast kindliche Weise auf andere zuzugehen. Als ich in eine neue Wohnung eingezogen bin, habe ich ein großes Blech Pizza gebacken, alle Leute im Haus besucht und jedem ein Stück Pizza geschenkt. Da erschließen sich Freundschaften auf ganz andere Weise.

Und wie ist das Verhältnis zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung?In einer Liebesbeziehung sieht man sich ständig – besonders, wenn man zusammen wohnt – und vielleicht nur gelegentlich mal Abstand hat oder mal etwas alleine macht. Es muss aber auch nicht vereinbart werden, dass man sich wiedersieht. In einer Freundschaft muss man sich hingegen verabreden und in Kontakt bleiben. Da ist es eher so, dass man wenig Zeit füreinander hat und wo man sich sieht. Auch emotional ist mehr Distanz da – daher kommt auch der Urschleim von Gefühlen nicht auf und es baut sich eine ganz andere Erwartungshaltung in Bezug auf Nähe, Empfindlichkeiten und Eifersucht auf. Oft sind wir in Freundschaften toleranter – weil wir den anderen ja auch nicht ständig ertragen müssen.


Ich habe mal in einer Studie gelesen, dass wir als Single drei bis vier enge Freundschaften brauchen. Sind wir in einer Liebesbeziehung sind es aber nur noch ein bis zwei enge Freundschaften. 
Ja richtig, aber das ist ein wirklich großer Fehler. Wir in der Forschung wissen nämlich auch: Wer gute Freundschaften hat, hat bessere Partnerschaften. In jeder Beziehung gibt es Machtprobleme, denn im Grunde ist es wie ein Spiel zwischen Nähe und Distanz – einer will gerade Nähe, der andere nicht. Durch unsere Freunde lernen wir allerdings, souveräner mit solchen Prozessen umzugehen. Weil wir ja eben nicht so hohe Erwartungen an unsere Freunde haben und gelassener damit umgehen, wenn wir auf Ablehnung stoßen, ein Treffen abgesagt wird oder wir eine Meinungsverschiedenheit haben. Partnerschaften haben außerdem das Kernproblem, dass sie durch die zunehmende Vertrautheit auch langweiliger werden. Und die Spannung können wir nur behalten, wenn wir ein Eigenleben haben. Damit meine ich nicht fremdgehen, aber eben noch eine andere soziale Welt zu haben. Leider ist es so, dass wir in einer Partnerschaft meist dazu neigen, sozial abgesättigt zu sein – besonders Männer ticken so.

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